Chronisches Erschöpfungs-Syndrom / CFS

Das Chronische Erschöpfungssyndrom (anders: Chronic Fatigue Syndrom-CFS oder Myalgische Enzephalomyelitis-ME) ist eine erworbene Multisystem-Erkrankung, bei der es zu einer chronischen Erschöpfung auf der physischen sowie psychischen Ebene kommt.
Die charakteristischen Beschwerden bei CFS sind: anhaltende körperliche Erschöpfbarkeit und Müdigkeit, kognitive Störungen wie verlangsamtes Denken, Konzentrationsprobleme, Verstärkung von Symptomen nach Belastung, lange Erholungszeiten, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, schwache Immunabwehr (eine vollständige Liste mit CFS-Symptomen finden Sie unten auf der Seite).
Der von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Organismus weist folgende pathobiologische Zustände auf:
- Neurostress
- vor allem Cortisolmangel: das morgendliche Cortisollevel ist erniedrigt, die Cortisol-Tageswerte sind stark gestört
- Neurotransmittermangel: v.a. Serotonin und Noradrenalin
- chronische Entzündung:
- durch gesteigerte Zytokinen-Produktion oder andere Faktoren wie z.B. Infektionen, Belastung mit Toxinen und Umweltgiften, Nebenwirkungen bestimmter Medikamente
- Mitochondrienstörung
- eingeschränkte zelluläre Energieherstellung infolge von Mitochondrienstörung
- nitrosativer und oxidativer Stress
Über viele Jahre hinweg herrschte ein allgemeines Unwissen und eine verwirrende Unklarheit bezüglich des chronischen Erschöpfungssyndroms, welche die Betroffenen häufig ohne eine fundierte medizinische Erklärung für ihr Leiden bleiben ließ. Eine heilvolle Veränderung dieses Zustandes brachte ein fachliches Gremium, welches sich aus CFS-Spezialisten zusammensetzte. 2011 stellten die dem Gremium angehörenden Ärzte, Kliniker, Forscher, Lehrende und ein unabhängiger Patientenbeauftragter die klinischen Kriterien für die Diagnostizierung von CFS zusammen.
Die Hauptindikationen für die ME Diagnostik umfassen nach den Internationalen klinischen Kriterien folgende Beschwerdebilder:
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Neuroimmunologische Entkräftung nach Belastung
Ein Hauptmerkmal bei ME, bei welchem folgende Symptome auftreten:
- Deutliche, schnelle körperliche und/oder kognitive Erschöpfbarkeit als Reaktion auf Belastung; auch minimale Belastungen wie Aktivitäten im Alltagsleben oder einfache mentale Aufgaben können entkräftend sein und einen Rückfall verursachen.
- Symptomverstärkung nach Belastung: Das heißt, akute, grippe-ähnliche Symptome, Schmerzen und eine Verschlimmerung anderer Symptome.
- Die Entkräftung nach Belastung kann sofort nach der Aktivität auftreten oder verzögert erst nach Stunden oder Tagen.
- Die Erholungszeit ist verlängert und bedarf üblicherweise 24 Stunden oder länger.
- Die niedrige Schwelle körperlicher und mentaler Erschöpfbarkeit (mangelndes Durchhaltevermögen) führt zu einer erheblichen Verminderung des vor Beginn der Erkrankung vorhandenen Aktivitätsniveaus.
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Neurologische Beeinträchtigungen
Es muss mindestens je 1 Symptom von den mindestens 3 Kategorien auftreten:
- Neurokognitive Beeinträchtigungen:
a) Schwierigkeiten mit der Informationsverarbeitung: verlangsamtes Denken, Beeinträchtigung der Konzentration. Das heißt, Verwirrung, Desorientierung, kognitive Überlastung, Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, verlangsamte Sprache, erworbene oder belastungsabhängige Dyslexie (Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Wörtern und Texten, d.Ü.
b) Verlust des Kurzzeitgedächtnisses: Das heißt, Schwierigkeiten, sich an das zu erinnern, was man gerade sagen wollte, was man gesagt hat, Schwierigkeiten bei der Wortfindung, beim Abrufen von Informationen, schlechtes Arbeitsgedächtnis
- Schmerzen
a) Kopfschmerzen: chronische, generalisierte Kopfschmerzen beinhalten oft schmerzende Augen, Schmerzen hinter den Augen oder im Hinterkopf, die mit Muskelverspannungen im Halsbereich verbunden sein können; Migräne; Spannungskopfschmerzen.
b) Es können beträchtliche Schmerzen in den Muskeln auftreten, den Muskel-Sehnen-Verbindungen, den Gelenken, im Bauchraum oder der Brust. Diese Schmerzen sind nicht-entzündlicher und oft wandernder Natur. Das heißt, generalisierte Hyperalgesie (übermäßige Schmerzempfindlichkeit), großflächige Schmerzen (kann die Kriterien für Fibromyalgie erfüllen), myofasziale (lokal begrenzte, d.Ü.) oder ausstrahlende Schmerzen
- Schlafstörungen
a) Gestörte Schlafmuster: das heißt, Schlaflosigkeit, verlängerter Schlaf einschließlich kurze Schlafphasen tagsüber (Nickerchen), die meiste Zeit des Tages schlafen und die meiste Zeit der Nacht wach sein, häufiges Erwachen, viel früheres Erwachen als in der Zeit vor Krankheitsbeginn, lebhafte Träume/Albträume
b) Nicht erholsamer Schlaf: das heißt, Aufwachen, sich erschöpft fühlen unabhängig von der Schlafdauer, Tagesschläfrigkeit
- Neurosensorische, Wahrnehmungs- und Bewegungsstörungen
a) Neurosensorik und Wahrnehmung: das heißt, Unfähigkeit, den Blick zu fokussieren, Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm, Erschütterungen, Gerüchen, Geschmack und Berührung; beeinträchtigte Tiefenwahrnehmung
b) Bewegung: das heißt, Muskelschwäche, Zuckungen, schlechte Koordination, sich wackelig auf den Füßen fühlen, Ataxien (Bewegungskoordinationsstörungen, d.Ü.)
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Immunologische, gastro-intestinale und urogenitale Beeinträchigungen
Es muss mindestens je 1 Symptom von den mindestens 3 Kategorien auftreten:
- Grippe-ähnliche Symptome:
Sie können wiederholt oder chronisch auftreten und werden typischerweise durch Belastung aktiviert oder verstärkt: Halsschmerzen, Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündungen), die Hals- und/oder Achsellymphknoten können vergrößert oder beim Abtasten schmerzhaft sein.
- Anfälligkeit für virale Infektionen mit verlängerten Erholungsphasen
- Gastro-Intestinal-(Magen-Darm-)Trakt: Übelkeit, Bauchschmerzen, Blähungen, Reizdarmsyndrom
- Urogenital-Trakt: dringendes oder häufiges Wasserlassen, vermehrtes nächtliches Wasserlassen
- Überempfindlichkeit auf Nahrungsmittel, Medikamente, Gerüche oder Chemikalien
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Störungen der Energieproduktion und des Ionenkanaltransports
es muss mindestens 1 Symptom von den folgenden 4 auftreten:
- Herz-Kreislauf-System:
Unfähigkeit, eine aufrechte Position zu tolerieren – orthostatische Intoleranz, neural vermittelter niedriger Blutdruck, Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom (POTS), Herzklopfen mit oder ohne Herzrhythmusstörungen, Benommenheit/Schwindel.
- Atemstörungen:
Lufthunger, mühsame Atmung, Erschöpfung der Muskeln des Brustkorbes
- Verlust der thermostatischen Stabilität:
unternormale Körpertemperatur, ausgeprägte Tagesschwankungen, Schweißausbrüche, wiederholtes Fiebergefühl mit oder ohne geringgradiges Fieber, kalte Extremitäten.
- Intoleranz gegenüber Temperaturextremen
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ME bei Kindern
Die Symptome können bei Kindern langsamer fortschreiten als bei Jugendlichen und Erwachsenen. Zusätzlich zu der neuroimmunologischen Entkräftung nach Belastung sind die deutlichsten Symptome tendenziell neurologischer Art:
- Kopfschmerzen:
schwere oder chronische Kopfschmerzen sind oft entkräftend. Migräne kann durch einen Abfall der Temperatur, Zittern, Erbrechen, Durchfall und schwere Schwäche begleitet sein.
- kognitive Beeinträchtigungen:
Schwierigkeiten beim Fokussieren der Augen und beim Lesen treten häufig auf. Kinder können legasthenisch werden, was auch nur dann zutage treten kann, wenn sie erschöpft sind. Die langsame Informationsverarbeitung erschwert es ihnen, akustische Anweisungen zu befolgen oder etwas zu notieren. Alle kognitiven Beeinträchtigungen werden bei körperlicher oder mentaler Belastung schlimmer. Es kann sein, dass die jungen Menschen keinen vollen Schultag durchhalten können.
- Schmerzen:
können wechselhaft sein und schnell wandern. Häufig ist eine Hypermobilität der Gelenke vorhanden.
Aufzählung von Autoren
· Bruce M Carruthers, MD, CM, FRCP(C) (coeditor); Independent, Vancouver, B.C., Canada · Marjorie I van de Sande, BEd, GradDip Ed (coeditor); Independent, Calgary, AB, Canada · Kenny L De Meirleir, MD, PhD; Department of Physiology and Medicine, Vrije University of Brussels, Himmunitas Foundation, Brussels, Belgium. · Nancy G Klimas, MD; Department of Medicine ,University of Miami Miller School of Medicine and Miami Veterans Affairs Medical Center, Miami, FL, USA · Gordon Broderick, PhD; Department of Medicine, University of Alberta, Edmonton, AB, Canada · Terry Mitchell, MA, MD, FRCPath; Honorary Consultant for NHS at Peterborough/Cambridge, Lowestoft, Suffolk, United Kingdom. · Don Staines, MBBS, MPH, FAFPHM, FAFOEM; Gold Coast Public Health Unit, Southport, Queensland; Health Sciences and Medicine, Bond University, Robina, Queensland, Australia AC · Peter Powles, MRACP, FRACP, FRCP(C), ABSM; Faculty of Health Sciences, McMaster University and St. Joseph’s Healthcare Hamilton, Hamilton, ON, Canada. · Nigel Speight, MA, MB, BChir, FRCP, FRCPCH, DCH; Independent, Durham, United Kingdom · Rosamund Vallings, MNZM, MB, BS, MRCS, LRCP; Howick Health and Medical Centre, Howick, New Zealand. · Lucinda Bateman, MS, MD; Fatigue Consultation Clinic, Salt Lake Regional Medical Center: adjunct faculty – Internal Medicine, Family Practice, University of Utah, Salt Lake City, UT, USA. · Barbara Baumgarten-Austrheim, MD; ME/CFS Center, Oslo University Hospital HF, Norway. David S Bell, MD, FAAP; Department of Paediatrics, State University of New York, Buffalo, NY. · Nicoletta Carlo-Stella, MD, PhD; Independent, Pavia, Italy · John Chia, MD; Harbor-UCLA Medical Center, University of California, Los Angeles; EV Med Research, Lomita, CA, USA · Austin Darragh, MA, MD, FFSEM. (RCPI, RCSI), FRSHFI Biol I (Hon); University of Limerick, Limerick, Ireland · Daehyun Jo, MD, PhD; Pain Clinic, Konyang University Hospital, Daejeon, Korea · Don Lewis, MD; Donvale Specialist Medical Centre, Donvale, Victoria, Australia · Alan R Light, PhD; Depts or Anesthesiology, Neurobiology and Anatomy,University of Utah, Salt Lake City, Utah, USA. · Sonya Marshall-Gradisbik, PhD; Health Sciences and Medicine, Bond University, Robina, Queensland, Australia. · Ismael Mena, MD; Depart. Medicina Nuclear, Clinica Las Condes, Santiago, Chile · Judy A Mikovits, PhD; Whittemore Peterson Institute, University of Nevada, Reno, NV USA · Kunihisa Miwa, MD, PhD; Miwa Naika Clinic, Toyama, Japan · Modra Murovska, MD, PhD; A. Kirchenstein Institute of Microbiology and Virology, Riga Stradins University, Riga, Latvia, · Martin L Pall, PhD; Department of Biochemistry & Basic Medical Sciences, Washington State University, Portland, OR, USA · Staci Stevens, MA; Department of Sports Sciences, University of the Pacific, Stockton, CA USA.
Literatur:
- CFS/ME-Forum, Zeitschrift des Bundesverbandes Fatigatio e.V., Heft 32/2012
- Myalgische Enezphalomyelitis: Internationale Konsenskriterien, Caruthers et al., The Journal of Internal Medicine, July 2011 (akzeptierter Artikel; 10.1111/j.1365-2796.2011.02428.x)
- Dr. Bieger, Wilfried, "Neurostress Guide. Ein innovatives, diagnostisches und therapeutisches Stufenprogramm bei Neurotransmitter-Störungen", 2007
- Dr. Bieger, Wilfried, "Neurostress", Seminar Klinische Mitochondrien- und Umweltmedizin, 2013
- Doz. Dr. sc. med. Kuklinski, Bodo, " Nitrosativer Stress, Teil 1" in: OM & Ernährung, Nr. 128 / 2008
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